Freitag, 11. November 2011

Gedanken im November


Das Jahr geht allmählich in seine letzte Runde... die Tage werden kürzer, die Luft wird kälter und die Bäume haben schon fast alle Blätter verloren. Leichte Nebelschwaden ziehen über Wiesen und Felder, und alles wird etwas ruhiger. Das ist der November!

Man unternimmt einen Spaziergang in der Abenddämmerung. Auf dem Friedhof leuchten noch all die roten Lichter von Allerheiligen. Es entsteht ein angenehmes Gefühl der Ruhe und des Friedens. Der Vollmond ist aufgegangen. In der Ferne heult ein Hund. Man geht weiter über dunkle Wege am Friedhof entlang. Eine Gestalt in einem schwarzen Umhang nähert sich. Ist es ein Vampir? Nein, es ist nur ein älterer Herr, der auch nur spazieren geht. Auf der Friedhofsmauer steht ein grinsender Kürbis, der noch von Halloween übrig war. Ein paar Krähen (oder Raben?) fliegen laut krächzend über die Bäume. Es ist eine schon leicht gruselige, aber durchaus angenehme und friedvolle Atmosphäre. Man atmet die frische, kalte, würzige Herbstluft ein. Man schlurft durch das Laub auf allen Wegen. Nun ist es bereits stockdunkel. Man denkt nach. Über das Leben, über seinen Sinn, über die Menschen, über die Wege eines friedlichen Miteinanders. Auch darüber, wie kurz das Leben ist und dass man versuchen sollte, jeden einzelnen Tag zu genießen und bewusst zu erleben – und nicht wartet auf das, was man tun möchte. Wir nehmen alles als so selbstverständlich hin, dabei hängt es doch am seidenen Faden. Das wird uns leider immer zu spät bewusst.
Man blickt über den dunklen Friedhof und sieht unzählige rote Lichter. Leichter Nebel schleicht über die Gräber. Ich glaube, ich gehe wieder nach Hause, mir wird kalt. Es ist so friedlich. Von der Straße hört man kaum etwas. In der Ferne wieder der Hund. Liegt es am Vollmond, oder was hat er? Oder ist es gar ein Werwolf? Man weiß es nicht, man weiß es nicht.... Situationen wie diese stimulieren die Phantasie. Andererseits, es gibt viel Mystisches, vieles zwischen Himmel und Erde, was wir nicht verstehen oder von dem wir nichts wissen. Gibt es außerirdisches Leben? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Fragen über Fragen. Aber müssen wir Menschen denn alles wissen? Ist es vielleicht nicht besser, gewisse Dinge nicht zu wissen?
Langsam führt der Weg nach Hause. Das Jahr ist viel zu schnell vergangen. Ich glaube, ich lasse den Abend mit klassischer Musik und einen guten Glas Rotwein ausklingen.
Etwas Ruhe in der Unrast dieser Zeit. Das ist es, was wir brauchen.

Das waren Gedanken, die mir heute am frühen Abend während eines Spaziergangs kamen.

Dazu passend noch ein Gedicht:


Herbsttag

HERR: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke
(Herbst 1902)

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