Donnerstag, 19. Januar 2012

Schießen ist der falsche Weg

Eigentlich wollte ich als ersten Bericht in diesem Jahr darüber schreiben, was in der maroden, fehlbaren und extrem gefährlichen deutschen Justiz zu verbessern wäre. Das musste ich nun aber aus aktuellem Anlass verschieben und erst einmal Stellung zu diesem Fall nehmen, der sich in Dachau ereignet hat, und in dem jemand einen total falschen Weg eingeschlagen hat.


Am 11. Januar dieses Jahres wurde im Amtsgericht Dachau ein 31-jähriger Staatsanwalt von einem wütenden, frustrierten Angeklagten erschossen. Der 54-jährige Angeklagte, der nicht vorbestraft war, wurde wegen Veuntreuung von Sozialbeiträgen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. Während der Urteilsverkündung zog er plötzlich eine Waffe, die er ins Gerichtsgebäude geschmuggelt hatte und schoss zuerst auf den Richter, welcher sich aber rechtzeitig duckte und deshalb unverletzt blieb. Dann schoss er auf den Staatsanwalt, der von drei Kugeln getroffen wurde und an diesen Verletzungen kurz darauf verstarb.

Hier einige Artikel über diesen Vorfall:

http://www.focus.de/panorama/welt/prozess-im-amtsgericht-dachau-angeklagter-erschiesst-jungen-staatsanwalt-im-gerichtssaal_aid_701521.html

http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article13810149/Angeklagter-erschiesst-in-Gerichtssaal-Staatsanwalt.html

Als ich von diesem Vorfall erfuhr, war mein erster Gedanke: Hier hat es mit Sicherheit den Falschen erwischt. Denn der erschossene Staatsanwalt war erst 31 Jahre alt und erst seit einem Jahr im staatsanwaltschaftlichen Dienst tätig. Er ist in dieser Funktion bislang nur bei Amtsgerichten aufgetreten, wo es in der Regel nur um kleinere Delikte und geringere Strafen geht. Insofern kann er also als Staatsanwalt noch nicht viel Schaden angerichtet haben.

Doch sollte man sich auch fragen: Wie wäre es mit ihm weitergegangen? Was hätte dieser Staatsanwalt in späteren Jahren getan? Wie wäre er geworden? Dass er im Laufe der Dienstjahre zu genau so einem Charakter herangereift wäre wie die meisten anderen Staatsanwälte und Richter auch, ist leider anzunehmen – denn warum sollte ausgerechnet er die große Ausnahme gewesen sein? Offenbar war er ja auch ein sehr ehrgeiziger, karrierebewußter Mensch. Vielleicht hätte er in der Zukunft auch mal Unschuldige verfolgt und ihre Verurteilung betrieben, wenn dies für seine Karriere gut gewesen wäre? Man weiß es nicht … . Jedenfalls kann er das jetzt nicht mehr tun, und womöglich sind dadurch Leben und Schicksale von Menschen gerettet worden. Aber wie gesagt: Man weiß es nicht …

Was mich am meisten ärgert, ist mal wieder das Verhalten der Medien. Der erschossene Staatsanwalt wird in den höchsten Tönen in den Himmel gehoben, was für ein toller Mensch er doch war (z.B. „Einser-Student“, „liebender Ehemann“, „ehrgeiziger Anwalt“, „außergewöhnliches Talent“, „wollte eine Familie gründen“, u.s.w.), während der Täter nicht nur wegen seiner Tat, sondern auch persönlich und als Mensch nach allen Regeln der Kunst in den Dreck getreten wird („gescheiterte Existenz“, „korpulent“, ungepflegt“, „Boden unter den Füßen verloren“, u.s.w.). Besonders die BILD-Zeitung schießt da mal wieder den Vogel ab, z.B. hier  – es ist zum Kotzen! Aber so sollen eben die Gefühle und Meinungen der Bevölkerung in die gewünschte Richtung gelenkt werden. So benutzt man die Bevölkerung, das gesunde Volksempfinden: Man erweckt rührendes Mitleid mit bestimmten Personen und hetzt dafür massiv gegen andere – das ist nichts als Propaganda!

Der 54-jährige Täter ist ein einfacher Bürger, der offensichtlich viel Pech in seinem Leben hatte: Er erlitt einen Schlaganfall, seine Firma ging pleite, und er hatte in der Vergangenheit wohl auch schon mehrfach schlechte Erfahrungen mit der Justiz gemacht. Dieser Mann ist im Grunde ein typisches Beispiel dafür, wie aus einem normalen Bürger ein „Wutbürger“ werden kann. Ein Mensch, der durch erlebtes Unrecht in die Verzweiflung getrieben wird und dann irgendwann durchdreht.
Mit seiner Tat hat dieser Mann leider einen Bärendienst geleistet: Jetzt stehen die Justizangehörigen als arme, arme Opfer da und die wehrlosen, hilflosen, wütenden und frustrierten Bürger, die der Justiz unterworfen sind und in die Verzweiflung getrieben worden sind, sind nun die Bösewichter. Und überall wird nun nach höheren Sicherheitsvorkehrungen und schärferen Kontrollen in Gerichten gekräht – wodurch aber das Grundproblem nicht gelöst wird. Der getötete Staatsanwalt wird einfach durch einen anderen Staatsanwalt ersetzt und alles bleibt beim alten. Die Justiz macht weiter wie bisher und schafft immer neue „Wutbürger“.

Sehr lesenwert auch Dr. Brosa´s Bericht über diesen Fall.

Das Erschießen von Staatsanwälten oder Richtern löst die Probleme in und mit unserer deutschen Justiz nicht, ganz im Gegenteil: Dadurch vergrößert sich nur die Kluft zwischen Staat und Bürger und die Rollen von Täter und Opfer werden vertauscht. Was wir wirklich brauchen, ist eine gründliche Reform der gesamten Justiz – damit Mängel behoben, Verbesserungen eingeführt und justizielles Unrecht von vornherein vermieden wird. Dann ist auch der Bürger wieder glücklicher und wird für solche Hass-Taten keinen Grund mehr haben. Es schallt eben alles so aus dem Wald heraus, wie man es hineinruft.

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