Mittwoch, 15. August 2012

Bochum Kulinarisch 2012

Musik trifft Essgenuss“ -
unter diesem Motto unterstützten die Bochumer Gastronomen in diesem Jahr mit ihren Einnahmen die Bochumer Symphoniker, und diese wiederum unterstützten das Gourmetfest mit ihrer Musik ...
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Wie in jedem Jahr, so fand auch in diesem Jahr im August wieder mein Lieblingsfest in Bochum statt, nämlich „Bochum Kulinarisch“, wie üblich wieder auf dem Bongard-Boulevard, und in diesem Jahr bereits zum 24. Mal, nämlich vom 08. bis zum 12. August. An dreien dieser fünf Tage war ich dabei, und hier gebe ich nun meine diesjährigen Eindrücke und Erlebnisse wieder.



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Mittwoch, 08. August:

Der Tag begann sonnig und trocken und setzte sich im weiteren Verlauf zum Glück auch so fort.
Am Nachmittag duschte ich, zog mich fein an, fuhr mit der Stadtbahn in die Innenstadt und ging zum Bongard-Boulevard, wo ich gegen 16.40 Uhr eintraf. Ich ging über den Boulevard, über den schon der Duft frisch gegrillter Enten zog, und verschaffte mir einen kurzen Überblick, bis ich dann weiterging zum Bochumer Rathaus, wo sich die Organisatoren, Sponsoren, Mitglieder der einzelnen Gastronomie-betriebe und die Ehrengäste versammelt hatten, um von dort aus die Eröffnungsparade durch die Innenstadt und über den Boulevard zu beginnen – wie in den letzten Jahren auch. Und selbstverständlich war ich auch in diesem Jahr wieder Ehrengast. Als ich auf dem Rathausplatz ankam, gab es gleich wieder ein großes Hallo – und die meisten kenne ich ja schon seit Jahren, sowohl Gastronomen, Mitarbeiter, andere Ehrengäste und sonstige namhafte Personen.


Der Animateur und Event-Künstler Frank Hoffmann, der sonst am Eröffnungstag immer als französischer Koch „François Cambuse“ auftrat, trat diesmal als Müllmann „Hein Müll“ in einer fahrbaren Mülltonne auf, als Reklamemännchen für den USB (UmweltService Bochum), einen der Sponsoren. Abwechselung ist eben das halbe Leben. Auch einige Herren der Bochumer Symphoniker waren vor Ort, die den Eröffnungszug begleiten sollten. Leider verzögerte sich die Eröffnungsparade diesmal aber, weil man die Schilder der teilnehmenden Gastronomiebetriebe vergessen hatte. Diese mussten erst noch geholt werden. Als sie schließlich da waren, teilte Heinz Bruns vom Haus Kemnade, einer der Chef-Organisatoren von „Bochum Kulinarisch“, die Reihenfolge bei der Eröffnungsparade ein.


Und dann, um etwa 17.15 Uhr, begann die Parade – der Eröffnungszug vom Rathausplatz durch die Innenstadt über den Bongard-Boulevard. Vorneweg gingen vier Bläser der Bochumer Symphoniker und spielten „Glück auf!“. Dahinter fuhr der alte Bierwagen der Brauerei Moritz Fiege, und dahinter gingen die Gastronomen und ihre Teams, alle in einer bestimmten Reihenfolge, und dahinter wiederum die Ehrengäste, darunter auch ich. Und ganz zum Schluß fuhr das Männchen in der Mülltonne. Natürlich klapperten die Mitarbeiter der einzelnen Gastronomiebetriebe während der Parade wieder kräftig mit den Töpfen. Und so zogen wir alle mit viel Tamtam und Geschepper auf den Boulevard, bis zu der kleinen Bühne. Dort warteten bereits Helmut Wicherek und Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz.





Wie üblich begann an der kleinen Bühne die Eröffnung, und für die Ehrengäste war bereits ein Aperitif gereicht worden. Zuerst hielt Helmut Wicherek wie in jedem Jahr die Eröffnungs-Ansprache, dann Oberbürgermeisterin Scholz. Danach sprachen in diesem Jahr als weitere Ehrengäste Margret Melsa, die stellvertretende Bürgermeisterin von Hattingen, und Beate Gronau, die 2. stellvertretende Bürgermeisterin von Witten (weil einige der teilnehmenden Gastronomiebetriebe aus Hattingen und Witten kommen), ferner der Landtagsabgeordnete Brucks sowie der Orchesterleiter der Bochumer Symphoniker. Während der Ansprachen wurde diesen Personen auf der Bühne bereits Frischgezapftes von der Brauerei Fiege gereicht.


Nach diesen Ansprachen war „Bochum Kulinarisch 2012“ offiziell eröffnet. Die Ehrengäste, also auch ich, begaben uns nun zum „VIP-Bereich“, also zum Stand von Gasthaus Weiß, um dort gemeinsam zu speisen. Auch in diesem Jahr saß ich an einer Tafel mit sehr netten und interessanten Leuten zusammen, von denen ich einige bereits aus den vergangenen Jahren kenne, andere erst jetzt kennenlernte. Während des Eröffnungs-Essens unterhielten wir uns angeregt und es wurde eine sehr nette und heitere Runde.

Fünf Austern auf Eis vom Gasthaus Weiß -
damit begann ich traditionell meine Eröffnung.

Nach diesem gemütlichen Auftakt im VIP-Bereich schlenderte ich über den Boulevard, der sehr gut besucht war, und genoss dieses wunderbare Gourmet-Fest in aller Ausführlichkeit. In einem Zeitraum von mehreren Stunden aß ich an diesem Stand mal eine köstliche Speise, an jenem Stand eine andere köstliche Speise, und so weiter, selbstverständlich mit einem Gläschen des jeweils passenden Weines dazu. Unter anderen nahm ich folgende Speisen ein:

Fünf frische Austern auf Eis
dazu ein Cocktail „Hugo“

Getrüffeltes Carpaccio vom Weiderind
in einem Balsamico-Olivendressing mit gehobeltem Parmesan
dazu ein Rosé-Wein

Warme Tapas-Variation:
Calamares alla romana, Pflaumen im Speckmantel, kleine kanarische Kartoffeln mit roter Mojo-Sauce, paniertes Krebsfleisch mit Sweet-Chili-Sauce, frittierter Schafskäse, dazu Aioli mit Brot
dazu ein Rotwein

„Pablo´s pincho de pescado y marisco“
Schwertfisch-Gamba-Spieß vom Grill
auf Rucola-Salat mit Orangen-Chili-Dip
dazu ein Weißwein

Borgböhmer´s Filetspitzen in pikanter Rahmsauce
mit frischen Pfifferlingen und hausgemachten badischen Spätzle
dazu ein Rotwein

Eierlikör-Mascarponecréme mit frischen Blaubeeren

Es war einfach alles wunderbar. So blieb ich auf dem Boulevard, der Bochumer „Gourmet-Meile“, bis es dunkel wurde.

Erwähnenswert ist noch, dass Borgböhmer´s Waldesruh in diesem Jahr wieder dabei waren. Sie waren ja zwei Jahre lang nicht bei „Bochum Kulinarisch“ dabei, weil die „Waldesruh“ im März 2010 durch einen gemeinen Brandanschlag vollständig vernichtet worden war (ich berichtete hier). Sie wurde dann aber – Gott sei Dank! - wieder aufgebaut und im Spätsommer 2011 wieder eröffnet. Ich werde auch demnächst mal wieder hingehen, denn ich bin richtig neugierig auf das neue Haus, die Einrichtung, die Lokalität, und natürlich was Küche und Keller zu bieten haben. Mit den Brüdern Borgböhmer – Heino, der Restaurantleiter und Gerd, der Küchenmeister – unterhielt ich mich an diesem Abend noch eine Weile und wir tranken noch das eine oder andere Gläschen zusammen. Man merkte dem Heino zwar an, dass ihm die Ereignisse der letzten Jahre sehr zu schaffen gemacht haben, aber er hat noch immer seinen unvergleichlichen Humor behalten – und das ist die Hauptsache.

Um 22.00 Uhr gab es als Höhepunkt des Eröffnungstages noch ein großes Feuerwerk, begleitet von klassischer Musik.


Es war einfach spitzenmäßig. Irgendwann verabschiedete ich mich dann und fuhr mit der Stadtbahn wieder zurück nach Hause.
Dort sah ich bei Kaffee und Cognac noch ein wenig: 


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Donnerstag, 09. August:

Diesen Tag ließ ich ruhig angehen. Ich frühstückte spät, sah mir den restlichen Teil der „Gefährten“ an, schrieb den Bericht über meine gestrigen Erlebnisse und legte mich dann noch ein wenig hin, um am Nachmittag bzw. Abend wieder fit zu sein für meinen zweiten Tag bei „Bochum Kulinarisch“. Am Nachmittag duschte ich dann, zog mich fein an und fuhr dann mit der Bahn wieder in die Innenstadt, wo ich mich auf den Bongard-Boulevard begab zum zweiten Teil des diesjährigen Gourmetfestes. Als erstes musste ich noch eine Angelegenheit klären und bekam von einer Bochumer Firma, die ich hier nicht näher nennen möchte, eine Flasche edlen Prosecco geschenkt. Diese verstaute ich erst mal in einem Schließfach am Bahnhof, da ich sie nicht die ganze Zeit mit mir herumschleppen wollte. Dann ging ich zurück zum Boulevard und begann mit meiner heutigen kulinarischen Runde. So schlenderte ich über den Boulevard und genoss in einem Zeitraum von mehreren Stunde mal diese Speise von diesem Stand, mal jene Speise von jenem Stand, und die passenden Weinchen dazu. Begleitmusik zum Essen gab es manchmal auch, denn an manchen Stellen des Boulevards standen kleinere Gruppen der Bochumer Symphoniker und spielten. Und ich nahm unter anderem folgende Speisen ein:

„Vitello Tonnato“
Dünne Scheiben vom Kalbfleisch mit Thunfischsauce und Kapern
dazu ein Rotwein

Kaninchenfilet
im Rauchlachsmantel mit Estragonsauce
dazu ein Weißwein

Gebratenes Filet vom weißen Wels
mit gegrilltem Speck auf Champagnerrahmkraut
dazu ein Weißwein

Oekey´s gegrillte halbe Ente
mit Honig-Limettensauce
dazu ein Rotwein

Fünf verschiedene französische Käsesorten
mit Feigensenf, Trüffelhonig und Mini-Kastenbrot
dazu ein Rotwein

Duett von Tobleronemousse an Fruchtmarkspiegel

Auch dieser Nachmittag bzw. Abend war wieder wunderbar und ich blieb, bis es dunkel wurde. Dann fuhr ich mit der Stadtbahn wieder zurück nach Hause.
Dort sah ich bei Kaffee und Cognac noch ein wenig:


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Freitag, 10. August:

Auch an diesem Tag schlief ich aus, frühstückte spät und sah mir den Rest des Films „Die zwei Türme“ an. Dann schrieb ich den Bericht über den gestrigen Tag und legte mich noch etwas hin, um am Nachmittag und Abend wieder fit zu sein. Um 18.00 Uhr fuhr ich mit der Bahn wieder in die Innenstadt, wo ich mich auf den Bongard-Boulevard begab zum dritten Teil von „Bochum Kulinarisch 2012“. Es waren heute noch mehr Leute dort als gestern, was sich manchmal aus Platzgründen ein wenig problematisch erwies. Hatten die Gastronomen etwa zu wenig Tische und Bänke bereitgestellt, oder wie ist dieses Problem zu erklären … ? Es kann jedenfalls nicht angehen, dass man mit seinem Essen erst noch ewig lange nach einem Platz suchen muss. Hier sehe ich eine Verbesserungsbedürftigkeit.
Nichtsdestotrotz schlenderte ich auch heute wieder über den Boulevard und genoss in einem Zeitraum von mehreren Stunden mal diese Speise von diesem Stand, mal jene Speise von jenem Stand, und die passenden Weinchen dazu. Auch heute spielten an manchen Stellen des Boulevards die Bochumer Symphoniker. Ich nahm folgende Speisen ein:

Jakobsmuscheln und Baby-Calamari
auf Spinatsalat mit Kokosbalsamico
dazu ein Weißwein

Drei kleine Lammbratwürstchen
auf Kartoffelbärlauchpüree
dazu ein Rotwein

„Oshi-Zushi“
Sushi-Würfel-Kombination mit diversen Fischzutaten auf Sushi-Reis, dazu eine Algen-Salatvariation mit Sesam-Dressing
dazu ein Weißwein

Roulade von weißem Wels, Zander und Lachs
mit feinen Bandnudeln und Salat
dazu ein Weißwein

Roastbeef vom argentinischen Black-Angus-Rind (150g)
mit Zitronen-Pfeffer-Kruste und Rosmarinkartoffeln
dazu ein Rotwein

Käsekuchen von Herrn B. seiner Omma

Auch dieser Abend war wieder wunderbar. Ich traf noch die einen oder anderen Bekannten, trank nach dem Essen noch das eine oder andere Bierchen und genoss einfach das Leben.
Später fuhr ich mit der Stadtbahn wieder zurück nach Hause und sah dort, selbstverständlich bei Kaffee und Cognac, noch den Film:


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Das war also Bochum Kulinarisch 2012.

Ich habe dieses Fest mal wieder sehr genossen, zumal das Wetter an den Tagen, an denen ich dort war, auch mitgespielt hatte. Auch am Samstag, dem 11. August, sowie am Sonntag, dem 12. August (Familiensonntag), war auf „Bochum Kulinarisch“ eine Menge los, aber an diesen beiden letzten Tagen war ich nicht dabei. Nach allem, was ich mitbekommen habe, sind aber auch diese Tage ganz toll gewesen. Man kann es auf der Webseite von Bochum Kulinarisch und auf Facebook nachlesen.
Auch der WDR berichtete am 10.08.2012 in der Lokalzeit Ruhr, hier ist der Link zum Video!

Fazit:
Das Highlight des Sommers 
war wieder ein voller Erfolg!

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Montag, 6. August 2012

Es muss ein Sündenbock her!

Wenn ein Mensch durch ein Verbrechen zu Schaden oder gar zu Tode kommt, oder wenn auch nur die Vermutung besteht, dass jemand einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist (z.B. durch spurloses Verschwinden), dann erzeugt die sogenannte Öffentlichkeit zuweilen einen unglaublichen Druck, „einen Täter herbei zu schaffen“, weil die „Volksseele“ diese Tat um ihres Seelenfriedens willen gesühnt sehen will. Diesem Druck geben die Strafverfolgungsbehörden oft allzu schnell und allzu leicht nach – und präsentieren der Öffentlichkeit einen „Täter“. Dann ist die Öffentlichkeit zufrieden gestellt, und Polizei und Justiz können den Fall abschließen. Wenn aber ein Unschuldiger ins Gefängnis gesperrt wird, dann wird, anstatt ein Verbrechen zu sühnen, ein weiteres Verbrechen begangen, und das auch noch im Auftrage des Staates! Ist es das, was die Öffentlichkeit will? Wohl kaum!


Dass etwas Derartiges in Deutschland geschieht, ist leider keine Ausnahme, sondern scheint die Regel zu sein. In ungeklärten Fällen, die man nicht lösen kann, muss eben ein „Sündenbock“ her. Es gibt mehrere Fälle, die das belegen. Einen dieser Fälle, der bundesweit Aufsehen erregt hat, möchte ich hier vorstellen.

In einer kleinen, überschaubaren Gemeinde verschwindet plötzlich ein Kind. Ein Kind, das jeder kennt und jeder gern hat. Das unerklärliche Verschwinden dieses Kindes ist dann natürlich der Aufreger schlechthin. Die Polizei steht von Anfang an unter großem Druck. Und der Druck verstärkt sich, je mehr Menschen davon erfahren und je mehr Zeit vergeht. Der Druck geht von der sogenannten „Öffentlichkeit“ aus, oft sogar zusätzlich noch von der Politik, und von den Medien sowieso. Es wird von der Polizei erwartet, das verschwundene Kind so schnell wie möglich wiederzufinden. Sollte dies nicht möglich sein, so wird erwartet, einen Täter herbei zu schaffen, der für das Verschwinden dieses Kindes verantwortlich ist. Die Polizei beugt sich diesem Druck und beginnt mit einer Hundertschaft und großer Akribie die Suche nach dem Kind. Jedoch vergeblich, das Kind kann nicht gefunden werden – weder lebendig noch tot. Der Druck ist weiterhin da, steigert sich sogar noch. Nachdem die erste Alternative, nämlich das Kind wiederzufinden, trotz aller Bemühungen nicht erfüllt werden konnte, bleibt nur noch die zweite Alternative übrig: Es muss ein „Täter“ her, der für das Verschwinden dieses Kindes verantwortlich gemacht werden kann, und den man der Öffentlichkeit als Täter präsentieren kann. Darin besteht dann der nächste Druck, der durch die Öffentlichkeit, die Medien und die Politik entsteht: Schafft einen Täter herbei!!!!

Die Polizei will und muss diesem Druck nachgeben. Aber wenn kein Täter da ist, woher könnte man dann einen nehmen? Es muss einer her, keine Frage, und zwar so schnell wie möglich! Doch wen nimmt man da? Es sollte einer sein, der – zumindest nach Ansicht von Polizei und Justiz – gut ins Bild eines typischen Täters passen würde. Einer, der sich nicht gut wehren kann und mit dem die Strafverfolgungsbehörden deshalb ein leichtes Spiel haben.

So einer war im Falle des Verschwindens der 9-jährigen Peggy Knobloch aus Lichtenberg schnell gefunden: Man nahm sich den 24-jährigen Ulvi Kulaç, der geistig behindert ist und als „Dorftrottel“ galt (sein geistiger Stand ist der eines 8-jährigen). Ein kräftiger, bulliger Mann. Dass er in der Vergangenheit auch noch mit einigen Jungen „Doktorspiele“ gespielt hat, passte der Polizei wunderbar ins Bild: Super, dachten die Beamten, so einem können wir auch die Vergewaltigung und Ermordung eines Kindes anhängen! Der eignet sich als Täter perfekt!

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Die verschwundene Peggy Knobloch, daneben Ulvi Kulaç
der dafür verantwortlich gemacht wurde – zu Unrecht!

Und so wurde Ulvi von der Polizei verhaftet und stundenlang und ohne Anwalt verhört. Dennoch konnte man ihm nicht nachweisen, dass er mit Peggys Verschwinden irgendetwas zu tun hat. Der Verdacht gegen ihn bestätigte sich nicht. Das hat der Polizei nicht in den Kram gepasst. Es war sogar eine Sonderkommission der Kripo gegründet worden, die den „Fall Peggy“ aufklären sollte, die „Soko I“. Doch die Aufklärung gelang nicht. Der Druck der Öffentlichkeit stieg, auch auf die Politik, welche dann noch zusätzlichen Druck auf die Polizei ausübte. Mit einem unaufklärbaren Fall konnte und wollte man sich einfach nicht abfinden, erst recht nicht, wenn es um ein Kind geht. Auf Druck der Öffentlichkeit löste der damalige bayerische Innenminister Beckstein die „Soko I“ auf und gründete die „Soko II“ unter der Leitung des Kriminaldirektors Wolfgang Geier. Die Botschaft war unmissverständlich: Schafft einen Täter her!

Wolfgang Geier (nomen est omen!)
stürzte sich auf einen Sündenbock und erlegte ihn.

Geier setzte daraufhin alles daran, den Verdächtigen Ulvi Kulaç auch wirklich als Täter dingfest zu machen. Er erstellte eine „Tathergangshypothese“ darüber, wie die „Tat“ sich angeblich abgespielt haben soll und nun ging es nur noch darum, von Ulvi ein Geständnis zu erlangen, welches sich inhaltlich damit decken sollte. Um das zu erreichen, wurden alle rechtsstaatlichen Vorgaben für ein faires Verfahren aufgegeben: Ulvi Kulaç wurde ein V-Mann mit auf die Zelle gelegt, der ihn aushorchen sollte. Doch damit nicht genug: Schließlich wurde Ulvi von der Polizei immer und immer wieder stundenlang in die Mangel genommen, mit dem Ziel, ein Geständnis zu bekommen. Er wurde ohne Anwalt so lange verhört, mit Vorwürfen und sogar mit falschen Behauptungen („Wir haben Blut von Peggy an deiner Jacke gefunden!“) konfrontiert, bis Ulvi schließlich zusammenbrach und, um den Qualen des Verhörs nicht länger ausgesetzt zu sein, alles gestand, was die Beamten hören wollten.

Das, was diese ach so pflichtgetreuen deutschen Staatsbeamten hier mit Ulvi gemacht haben, war jedoch nichts anderes als der Einsatz verbotener Vernehmungsmethoden gemäß § 136a StPO. Schon allein deshalb hätte das „Geständnis“ niemals verwertet werden dürfen, siehe § 136a Abs.3 S.2, außerdem hat Ulvi dieses „Geständnis“ später widerrufen. Doch dieser Widerruf wurde nicht akzeptiert – denn man hatte ja jetzt, was man wollte und man wollte nicht noch einmal von vorne anfangen. Bemerkenswert ist auch, dass es von diesem Geständnis und dem Verhör kein Tonprotokoll gibt (das wäre ja dann auch ein Beweis dafür gewesen, dass das Geständnis rechtswidrig zustande gekommen ist), sondern es darüber lediglich ein sogenanntes „Gedächtnisprotokoll“ der vernehmenden Beamten gab. Doch wer weiß, ob dieses „Gedächtnisprotokoll“ überhaupt der Wahrheit entspricht? Davon ist nach Lage der Dinge eher nicht auszugehen. Außerdem haben sich diese Beamten der Nötigung (§ 240 StGB) und der Aussageerpressung (§ 343 StGB) schuldig gemacht!

Doch das interessierte niemanden mehr – mit dem „Geständnis“ hatte man alles, was man wollte und was man brauchte. Alles, was Ulvi entlasten konnte, wurde ignoriert und unter den Tisch gewischt. Es gab sogar Zeugen, die Peggy nach dem Tatzeitpunkt, zu dem Ulvi sie angeblich getötet haben soll, noch gesehen haben. Doch diese Zeugen wurden von der Polizei für unglaubwürdig erklärt; die Polizei behauptete einfach, diese Zeugen hätten Peggy mit einem anderen Mädchen verwechselt. Andere Zeugen wurden sogar von der Polizei unter Druck gesetzt, nicht länger auf dem zu bestehen, was sie angeblich gesehen haben wollen. Davon, dass Ulvi Kulaç der Täter sei, wollten Polizei und Justiz nicht mehr abrücken. Sie hatten jetzt nunmal ihren Sündenbock und alles, was dies hätte in Zweifel ziehen können – mit der Folge, dass sie Fehler eingestehen und wieder von vorne ermitteln müssten -, wurde konsequent ignoriert. Das Ergebnis ihrer sogenannten „Ermittlungen“ - „Wir haben den Täter im Fall Peggy!“ - gab die Polizei ziemlich schnell an die Presse weiter. Diese tat ihr übriges, um eine Vorverurteilung perfekt zu machen.

Was die Presse, insbesondere natürlich die BILD-Zeitung, sich für reißerische Bösartigkeiten, Sauereien, Lügen und Verleumdungen leisteten, und wie dumme Leute auf so eine Hetzerei einsteigen und sich davon beeinflussen lassen, wird in diesem Textauszug deutlich:

Wieder so ein Schwein!“, titelte BILD am 22.10.2002 und präsentiert seinem Millionenpublikum den 24-jährigen Ulvi K. mit Foto als „Killer“. K. hatte gestanden, die neunjährige Peggy ermordet zu haben, deren Verschwinden aus Lichtenberg in Bayern wochenlang Presse und Fernsehen bewegte. In dem Bild-Artikel steht allerdings nichts davon, dass das „Schwein“ geistig behindert ist. Erst am Folgetag wird die Behinderung erwähnt. Ulvi K. kann den Beamten jedoch nicht sagen, wo Peggys Leichnam ist. Erst behauptet er, sein Vater habe diesen beseitigt, dann widerruft er das ganze Geständnis. Der Vater sagt, er wisse von nichts. Die Kripo findet weder in seinem Haus noch in seinem Auto eine DNA-Spur, die Ulvis Geständnis stützt.
Keine Zeugen, null Beweise – trotzdem schafft BILD die Unschuldsvermutung ab und tritt die Empörungswelle los: Öffentlich wird eine psychiatrische Gutachterin gegeißelt. Sie hatte Ulvi K., der vor Kindern masturbiert hatte, früher wegen Exhibitionismus untersucht und ihn aufgrund einer hirnorganischen Schädigung für schuldunfähig gehalten. „Sie hat nicht erkannt, wie gefährlich Peggys Mörder ist!“, ruft Bild. Ein großes Foto zeigt die Ärztin mit einem schwarzen Balken vor den Augen. Ist sie eine Verbrecherin? [...]
Auf welch wackeligen Beinen die Täterschaft des „Schweins“ steht, erfahren die Leser von BILD nicht, denn als die Zeitung erkannte, dass die Ermittlungen feststecken und sich aus dem Geistesschwachen kein weiterer Zorn schlagen lässt, war aus dem Thema die Luft raus. Dafür machte sich in den Leserbriefen nun das gesunde Volksempfinden Luft. „Die Mordbestie als Schwein zu bezeichnen ist eine Diskriminierung dieser harmlosen Tiergattung“, entrüstet sich ein Herr Thon in Remseck. Und ein Herr Norger aus Kerken fragt: „Warum setzt man solche Bestien nicht auf einer einsamen Insel aus? Da können sie sich gegenseitig auffressen.“ - Hier spricht das angenehme Gefühl, selbst ein feiner Kerl zu sein […]

Quelle: http://www.zeit.de/2003/08/Prognose

Das ist doch unfassbar, nicht wahr? Ich frage mich, was solche Leute wie Herr Thon oder Herr Norger eigentlich für „Menschen“ sind, dass sie sich so vor der Karren eines reißerischen Hetzartikels spannen lassen und solche menschenverachtenden Dinge schreiben können? Pfui Teufel! Bei solchen Leuten verspüre ich das dringende Bedürfnis, ihnen ohne Vorwarnung kräftig was in die Fresse hauen … und wo man das „gesunde Volksempfinden“ einordnen kann, muss ich hier wohl nicht extra sagen, nicht wahr? … Darüber hinaus frage ich mich schon seit langer Zeit, woher die BILD-Zeitung sich eigentlich das Recht nimmt, Volksverhetzung zu betreiben … Wieviel Zeit ist eigentlich seit dem Mittelalter vergangen?

In dem Artikel heißt es auch noch:

Die Staatsanwaltschaft Hof gibt sich unbeeindruckt vom dürftigen Ertrag der eigenen Ermittlungen: Sie will jetzt gegen Ulvi K. Anklage wegen Mordes erheben. Ohne Leiche, ohne Spur. Allein auf der Basis der widerrufenen Aussage eines geistig Minderbemittelten. „Was würde die Öffentlichkeit sagen, wenn wir das Verfahren einstellen würden?“, fragt der Behördenleiter. Doch welches Gericht wird Ulvi K. verurteilen?

Antwort: Das Landgericht Hof. Es verurteilte Ulvi Kulaç am 28.04.2004 zu lebenslanger Haft. Die Richter erklärten wahrheitswidrig, das Geständnis, welches Ulvi längst widerrufen hatte, sei rechtmäßig zustandekommen und glaubwürdig. Außerdem erklärten sie Ulvi trotz eines IQ von 68 für schuldfähig. Alle Beweise und Zeugen, die gegen die Täterschaft von Ulvi sprachen, wurden konsequent ignoriert. Die Justiz hatte sich nunmal vorgenommen, ihn zu verurteilen – und tat es. Denn wer die Macht hat, hat auch das Recht! Es wurde für Peggys Verschwinden ein „Täter“ geschnappt und verurteilt! Damit konnte die Staatsgewalt, Politik und Justiz den Fall abschließen und die Öffentlichkeit, das „gesunde Volksempfinden“, war zufrieden gestellt, denn es glaubte nun, das abscheuliche Verbrechen an einem Kind wäre gesühnt worden.

Aber nicht alle glauben das. Es gibt zum Glück noch Menschen, die nachdenken können, und die sich nicht so einfach ein X für ein U vormachen lassen. Menschen, die Ulvi kennen und für die klar ist, dass er nicht der Täter sein kann. Menschen, die sich für ihn einsetzen. Nicht nur seine Familie, sondern auch ein großer Teil der Bevölkerung von Lichtenberg haben für ihn eine Bürgerinitiative gegründet. Sogar der leibliche Vater von Peggy Knobloch glaubt an Ulvis Unschuld. Viele sind sich einig, dass hier ein Fehlurteil vorliegt.

Der Fall ist jetzt wieder aktuell geworden, da die Betreuerin des Ulvi Kulaç, welcher seine Strafe in einem psychiatrischen Krankenhaus in Bayreuth absitzt, sowie dessen Rechtsanwalt Euler zur Zeit ein Wiederaufnahmeverfahren anstreben. Beiden Personen ist es durch eigene Nachforschungen und Ermittlungen gelungen, Beweise dafür zu finden, dass Ulvi Kulaç nicht der Täter sein kann. Auch Zeugen konnten ausfindig gemacht werden. So hat zum Beispiel der Hauptbelastungszeuge, ein V-Mann der Polizei, seine Aussage gegen Kulaç eidesstattlich widerrufen. Er begründete seine Zusammenarbeit mit der Ermittlungsbehörde mit versprochenen Hafterleichterungen. Basierend auf den Widersprüchen strebt Kulaçs Anwalt Michael Euler aktuell die Wiederaufnahme des Verfahrens an.

Nun steht also zu hoffen, dass die Wiederaufnahme des Verfahrens Erfolg hat. Was soll man denn schließlich auch von einem Land halten, in dem Wahrheit und Gerechtigkeit keine Rolle mehr spielen, sondern in dem für Probleme nur noch ein Sündenbock herhalten muss?

Besuchenswert ist die Webseite über Ulvi Kulaç.

In Lichtenberg gibt es das Grab von Peggy Knobloch. Doch dieses Grab ist leer. Ihre Leiche wurde nie gefunden, und es gibt keinen Beweis dafür, dass sie wirklich tot ist. Auch ihr Vater hält an dem Glauben fest, dass seine Tochter irgendwo noch lebt. Vielleicht stimmt das sogar, wer weiß? Sollte Peggy tatsächlich eines Tages lebend und gesund wieder auftauchen, oh, dann möchte ich gerne die dummen Gesichter der verantwortlichen Polizisten und Juristen sehen ...

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