Montag, 8. Oktober 2012

Ein Gedicht im goldenen Herbst

 

Es ist Zeit für ein wenig Lyrik zwischendurch.
Da wir uns nun wieder im goldenen Herbst befinden, 
gibt es passend dazu auch in diesem Blog ein kleines Gedicht: 

   

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, 
Ein Birnbaum in seinem Garten stand. 
Und kam die goldene Herbsteszeit 
Und die Birnen leuchteten weit und breit, 
Da stopfte, wenn´s Mittag vom Turme scholl, 
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll, 
Und kam in Pantinen ein Junge daher, 
So rief er: „Junge, wiste ´ne Beer?“ 
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn, 
Kumm man röwer, ick hebb ´ne Birn.“ 

So ging es viel Jahre, bis lobesam 
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam. 
Er fühlte sein Ende. ´s war Herbsteszeit, 
Wieder lachten die Birnen weit und breit; 
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab. 
Legt mir eine Birne mit ins Grab.“ 
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus, 
Trugen von Ribbeck sie hinaus. 
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht 
Sangen „Jesus meine Zuversicht“, 
Und die Kinder klagten, das Herze schwer: 
„He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?“ 

So klagten die Kinder. Das war nicht recht - 
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht; 
Der neue freilich, der knausert und spart, 
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt. 
Aber der alte, vorahnend schon 
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn, 
Der wußte genau, was damals er tat, 
Als um eine Birn´ ins Grab er bat, 
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus 
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus. 

Und die Jahre gingen wohl auf und ab, 
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab.
Und in der goldenen Herbsteszeit 
Leuchtet´s wieder weit und breit. 
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her, 
So flüstert´s im Baume: „Wiste ´ne Beer?“ 
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: „Lütt Dirn, 
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.“ 

So spendet Segen noch immer die Hand 
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

*****

Theodor Fontane 
(1819 – 1898)

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