Mittwoch, 14. Mai 2014

Freispruch für Ulvi Kulac

Ein glücklicher Ulvi Kulaç nach dem Freispruch.

Im August 2012 stellte ich hier den Fall des unschuldig wegen Mordes verurteilten Ulvi Kulaç dar. Ulvi wurde am 28.04.2004 vom Landgericht Hof verurteilt, im Mai 2001 die damals 9-jährige Peggy Knobloch ermordert zu haben. Und das, obwohl man nie Peggys Leiche fand, und somit der entscheidende Beweis fehlte, dass sie überhaupt tot war. Sie war einfach nur verschwunden. Doch weil dieses Verschwinden nicht aufgeklärt werden konnte (bis heute nicht!), gingen Polizei und Justiz von einem Verbrechen aus und griffen sich jemanden, den sie der Öffentlichkeit als Täter präsentieren konnten.

Die Hintergründe, wie es überhaupt zu Ulvis Verurteilung kam, habe ich hier geschildert. Die Polizei und die Justiz konnten und wollten sich einfach nicht damit abfinden, dass das spurlose Verschwinden eines Kindes nicht aufgeklärt werden konnte, schon gar nicht in einem Wahljahr. Es musste unbedingt ein „Täter“ her, den man dafür verantwortlich machen konnte. Da haben sie sich den geistig behinderten Ulvi gegriffen, der sich nicht wehren konnte.

Alle rechtsstaatlichen Vorgaben für ein faires Verfahren wurden auf das Schwerste verletzt: Ulvi Kulaç wurde ein V-Mann mit auf die Zelle gelegt, der ihn aushorchen sollte. Und Ulvi wurde von der Polizei immer und immer wieder stundenlang in die Mangel genommen, mit dem Ziel, ein Geständnis zu bekommen. Er wurde ohne Anwalt so lange verhört, mit Vorwürfen und sogar mit falschen Behauptungen („Wir haben Blut von Peggy an deiner Jacke gefunden!“) konfrontiert, bis Ulvi schließlich zusammenbrach und, um den Qualen des Verhörs nicht länger ausgesetzt zu sein, alles gestand, was die Beamten hören wollten. Dieses „Geständnis“ widerrief er zwar später, aber dieser Widerruf wurde nicht anerkannt; denn man hatte ja jetzt alles, was man wollte und was man brauchte, um ihn zu verurteilen – was dann auch geschah.

Dass jetzt ein Wiederaufnahmeverfahren zustande kam, ist vor allem Ulvis Unterstützerkreis zu verdanken, wobei vor allem seine Betreuerin Gudrun Rödel und sein Verteidiger Michael Euler zu nennen sind. Im diesem Wiederaufnahmeverfahren kam die Justiz an den Fakten, dass Ulvi nicht der Täter sein konnte und es nicht die geringsten Indizien dafür gab, nicht mehr vorbei. Angesichts der großen öffentlichen Aufmerksamkeit, die dieser Fall bereits erregt hatte, kam die Justiz auch einem Freispruch nicht mehr vorbei. Der Schaden für das „Ansehen“ der Justiz, der durch diesen Fall bisher schon entstanden ist, war nämlich bereits immens genug. An den Fakten, die eine Täterschaft Ulvis ausschlossen und dass noch nicht einmal Anhaltpunkte für ein Tötungsdelikt vorlagen, gab es ja nichts zu rütteln. Also musste das Landgericht Bayreuth Ulvi Kulaç freisprechen.

Videos und Presseberichte darüber:

Das Fehlurteil von 2004 ist nun also höchst offiziell ein weiteres Fehlurteil auf dem Konto der deutschen Justiz, was ihrem „Ansehen“ ein weiteres Mal schadet. Aber daran ist die Justiz selbst schuld. Hätte sie bereits 2004 die Einsicht und Vernunft walten lassen, die sie jetzt im Wiederaufnahmeverfahren gezeigt hat, dann wäre Ulvi erst gar nicht verurteilt worden.

Aber so ist das mit der deutschen Justiz: Sie fällt Urteile, wie es ihr gerade passt, und zerstört dadurch die Leben unschuldiger Menschen. Erst nach Jahren können solche Fehlurteile dann – wenn man Glück hat (!) – in komplizierten Wiederaufnahmeverfahren aufgehoben und die richtige Entscheidung getroffen werden. Ein Beweis dafür, dass das Justizsystem letztendlich doch funktioniert, ist das aber nicht. Ganz im Gegenteil. Wenn es nämlich funktionieren würde, und wenn dieser Staat wirklich ein „Rechtsstaat“ wäre, dann könnten und würden solche Skandalurteile gar nicht erst passieren. Und der Schaden für die Betroffenen bleibt – auch bei einem nachträglichen Freispruch – für immer bestehen. Sie bleiben Opfer, solange sie leben.

Dass die Justiz aus diesem Fall etwas gelernt hat, darf nach allen Erfahrungen bezweifelt werden. Vermutlich wird beim nächsten Fall, der sich nicht aufklären lässt, wieder ein Unschuldiger gegriffen, mit dem die Strafverfolgungsbehörden ein leichtes Spiel zu haben glauben und den sie der Öffentlichkeit als „Täter“ präsentieren können. Das ist nämlich bei allen Erfahrungen mit der bundesrepublikanischen Realität leider zu befürchten.

Ulvis letzte Worte vor Gericht waren übrigens: „Ich wünsche mir, dass Peggy noch lebt!“


Das hoffe ich auch. Sie müsste heute 22 Jahre alt sein. Sollte sie tatsächlich eines Tages lebend wieder auftauchen, möchte ich gerne die dummen Gesichter der Polizisten und Juristen sehen!

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